Erlebnisse Conni (2)

Mathis und Kaja - meine Folgeschwangerschaften


Erfahrungsbericht
Stand Frühjahr/Sommer 1998


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Inhalt:
Vorgeschichte
Mathis
Kaja
Mai 1995
Frühjahr/Sommer 1998
Heute
zum Ende der "Erlebnisse"

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Mathis und Kaja - meine Folgeschwangerschaften


Vorgeschichte


Meine erste Schwangerschaft endete in der 8./9. SSW im Januar 1991. Einen Grund konnte man mir nicht nennen, es hatte recht lange gedauert, bis Ärzte feststellten, dass das Kind nicht mehr lebt. Doch man sagte mir, jede zweite Frau hätte einmal in ihrem Leben eine Fehlgeburt.

Im Mai 1991 war ich wieder schwanger. Von Anfang an hatte ich Blutungen, die während eines Aufenthaltes an unserem alten Wohnort, H., einen 14tägigen Krankenhausaufenthalt notwendig machten. Nach der Entlassung, wieder zu Hause auf unserer Insel, kamen immer wieder neue Blutungen vor, die schließlich so massiv wurden, dass mich meine Ärztin in der 16. SSW auf das Festland ins Krankenhaus schickte (Wangerooge hat kein Krankenhaus).
Die Ärzte vermuteten eine Plazenta praevia, die Blutungen ließen sich trotz strengster Bettruhe nicht stoppen. Doch das Kind entwickelte sich völlig normal und mein Bauch wuchs. Ende der 21. SSW passierte dann ein Blasensprung. Ich nahm weiter wehenhemmende Medikamente, doch die Geburt ließ sich nicht aufhalten: Am ersten Tag der 22. SSW wurde unser Sohn Christopher geboren, 30 cm lang und 435 g schwer. Und viel zu früh, um irgendwelche Überlebenschancen außerhalb meines Körpers zu haben.
Nach langen Kämpfen gelang es uns dank Ermutigung und Uunterstützung von verschiedenen Seiten, Christopher beizusetzen.
Warum die Fruchtblase gesprungen war, konnte man nur vermuten; man erklärte uns, aufgrund der langandauernden Blutungen sei evtl. eine Infektion aufgestiegen, hätte die Fruchtblase porös gemacht.

Ein halbes Jahr durfte ich nicht schwanger werden. Meine dritte Schwangerschaft begann im März 1992. Ich war sehr ängstlich, befürchtete bei jedem Gang zur Toilette, dass ich wieder eine Blutung bekommen würde. Was dann auch geschah. Meine Ärztin verätzte schließlich den Muttermund, die Blutungen hörten kurzfristig auf. - Zwei Tage später bekam ich dann eine "richtige" Blutung, aus der Gebärmutter, und wusste instinktiv sofort, was uns am nächsten Tag der Ultraschall auf dem Festland bestätigte: Unser Kind lebte nicht mehr. - Das passierte Anfang Mai in der 11. SSW.
Eine Ursache ließ sich wieder nicht feststellen.

Doch nun wurde routinemäßig ein Gang zur genetischen Beratungsstelle erforderlich. Man versprach uns das Ergebnis für sechs Wochen später, doch die Wartezeit dehnte sich auf fürchterliche elf Wochen der Ungewissheit, in denen ich das Schlimmste befürchtete. Die Chromosomenanalyse erbrachte jedoch keinen Grund für unsere Kindsverluste.

Wir begannen, noch während wir auf das Ergebnis warteten, regelmäßig alle vier bis sechs Wochen zu einem Psychologen der "Beratungsstelle für Erziehungs-, Sucht- und Lebensfragen" zu gehen. Ich denke, es war sehr wichtig für Jörg und mich, noch vor dem Eintritt einer weiteren Schwangerschaft noch einmal über unsere Trauer um Christopher, über alle unsere Ängste, über unsere weitere "Lebensplanung" nachzudenken und zu reden.
Wir beschlossen zusammen mit diesem Psychologen, dass ich mich im Falle einer weiteren Schwangerschaft - sofern das Ergebnis sie zuließ, sofern sie dann überhaupt eintrat - evtl. sicherheitshalber für die ersten 12 Schwangerschaftswochen ins Krankenhaus einweisen lassen würde und während dieser Zeit auch intensiven Kontakt zur Beratungsstelle haben könnte. Denn ich sah es damals so und denke auch heute noch, dass ich dieses dritte Kind verloren habe, weil ich mich wegen meiner Ängste vor einem erneuten Verlust psychisch völlig unter Druck gesetzt habe, weil ich einfach nicht ruhig bleiben konnte, wie es mir von so vielen Seiten "empfohlen" wurde, weil ich nicht vergessen konnte.

Soweit zu meiner "Vorgeschichte".

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Mathis


Im Oktober 1992 wussten wir, dass ich wieder schwanger bin. Anfangs - in den ersten Wochen - wagte ich gar nicht, mich zu freuen, versuchte, Distanz zu diesem Kind aufzubauen, damit der Verlust nicht wieder so furchtbar weh tun könnte.
Doch das ging nicht lange! Ich freute mich auf das Baby und liebte es!
Ab der sechsten SSW bekam ich zweimal wöchentlich Hormonspritzen ("Gravibinon", Östrogen-Gestagen). Meine Ärztin hatte von einem aktuellen Gynäkologen-Kongress Informationen bekommen, sagte mir, dass ein Zuviel an Hormonen sowieso ausgeschieden würde, dass sie in meinem Fall eine Hormonschwäche für möglich hielt - und gemeinsam griffen wir nach diesem Strohhalm.
Es war nicht einfach, die ersten Wochen zu überstehen, zumal es auf der Insel kein Ultraschallgerät gibt und ich nie wusste, wie es unserem Baby geht. Erst ab der zehnten, zwölften SSW war es dann möglich, über den Bauch wöchentlich die Herztöne unseres Babys abzuhören.
Doch da lagen die ersten schlimmen Hürden (8./9. SSW und 11. SSW) auch schon hinter mir!

Zu einem Krankenhausaufenthalt ist es nicht gekommen. Ich beaufsichtigte zwei Kinder (zweite und dritte Klasse) bei den Hausaufgaben und betreute außerdem noch einmal wöchentlich eine Kindergruppe mit. Diesen "Verpflichtungen" wollte ich mich nicht ohne triftigen Grund entziehen, waren sie doch auch eine Ablenkung, verhinderten eine ständige Grübelei.

Die Hormonbehandlung sollte mit der 13. SSW beendet sein, doch in der 14. SSW, ausgerechnet Heiligabend 1992, bekam ich eine Blutung. Was in mir vorging, kann ich nicht beschreiben. "Nein, bitte, nicht schon wieder!", "Ich möchte nicht auch noch dieses Kind verlieren!" und "Warum?" schossen mir durch den Kopf, während ich heulte und versuchte, einigermaßen ruhig zu bleiben, es Jörg schonend beizubringen.
Wieder einmal ging es per Krankenwagen in die Arztpraxis, was meine Ängste und Erinnerungen an "damals" noch verstärkte. Meine Ärztin war sichtlich beunruhigt, untersuchte mich, suchte die Herztöne unseres Babies - und als sie sie dann fand, hatten wir wohl alle Tränen in den Augen.
Der Grund für die Blutung? Wahrscheinlich hatte ich mich beim Aufräumen etwas überanstrengt, zu schwere Kartons gezogen, einen (leeren) Karton vom Kleiderschrank geholt u.ä.. - Aber gerade kurz vorher hatte ich einen Brief von einer Bekannten bekommen, die meinte, ich solle mich mal nicht zu sehr in Watte packen, sie hätte eine schwangere Freundin, die sei sogar bergsteigen gewesen! Jedenfalls tröstete mich Frau Dr. F.-Sch., eine Blutung könne leicht vorkommen, weil das Gewebe während einer Schwangerschaft viel lockerer und viel stärker durchblutet sei als sonst. Außerdem seien Kinder manchmal recht konservativ, und unseres würde ganz offensichtlich weiterhin auf die gewohnten Hormone bestehen. Die Spritze bekam ich auch gleich.
Die nächste, zum Glück auch letzte, Blutung bekam ich am 3.1.93, in der 15. SSW. Ich konnte so ruhig bleiben, dass ich erst am nächsten Tag, als ohnehin die Spritze fällig war, zur Untersuchung ging. Meine Ärztin konnte keinen Grund feststellen, meinte aber, auch ein stärkeres Husten oder Niesen könnte der Grund gewesen sein.

Ungefähr in der Zeit rief Vera das erste Mal bei mir an. Mein errechneter Entbindungstermin war der 28. Juni 1993, Veras der 19. August 1993. Wir waren also gut sieben Wochen auseinander, schwangerschaftsmäßig.

In der 18. SSW bekam ich die letzte Hormonspritze.
Es näherte sich immer mehr die schlimmste Zeit der Schwangerschaft, die 22. SSW, der erste Tag, Christophers Geburtstermin.
Der Professor von der genetischen Beratungsstelle, der im Mai 1992 das Gespräch mit uns geführt hatte, hatte uns schon darauf vorbereitet, dass die Zeit bis zum Erreichen der 22. SSW psychisch sehr belastend sein würde. Und das war sie auch, weiß Gott!

Ich versuchte, Vera anzurufen und erfuhr von ihrem Mann, dass sie wegen einer Blutung im Krankenhaus lag, ausgerechnet wieder in der 11. SSW, in der sie auch im Sommer zuvor ihr Baby verloren hatte.

Meine Ärztin fuhr Ende Januar für vier Wochen in den Urlaub ....... (Während der Saison arbeitet sie bis nachts, und das von März bis Oktober, zusätzlich die Woche über Bereitschaft und am Wochenende der Notdienst - und diese Zeiten kann sie sich lediglich mit dem zweiten Arzt auf der Insel teilen), ....... so dass auf einmal keine wöchentlichen Arztkontakte mehr stattfinden konnten. Ausgerechnet in die Zeit fiel die 21./22. SSW.
Mitte der 21. SSW hatte ich einen Ultraschall-Termin auf dem Festland, der jedoch kurzfristig ausfallen musste, weil ich wegen des Nebels keinen Flieger auf die Insel zurück bekommen hätte.
Eine Sprechstundenhilfe (in der Gyn.-Praxis auf dem Festland), die meine Geschichte nicht kannte oder meine Ängste nicht verstand, versuchte, mich auf einen Termin über eine Woche später zu vertrösten, und das zu einem Zeitpunkt, wo ich seit über zwei Wochen keinen Arztkontakt mehr hatte, und wo der Zeitpunkt von Christophers Verlust unmittelbar bevorstand. Erinnerungen an die letzten Tage mit Christopher brachen über mich herein, ich konnte nicht mehr aufhören zu heulen, wusste, irgendwie, irgendwo muss in den nächsten drei Tagen ein Ultraschall stattfinden.
Erst als ich im Krankenhaus direkt anrief, wo ich mit Christopher sechs Wochen gelegen hatte, wo man mich gut kannte, wo alle mitrechneten, wie weit ich sei, wo alle mitfieberten, ob denn alles gut geht dieses Mal, wo der US sowieso stattfindet - erst dort half man mir mit einem US-Termin zwei Tage später sofort weiter. - Im nachhinein war mir mein Verhalten etwas peinlich, weil Dr. O. extra meinetwegen an einem eigentlich US-freien Nachmittag ins Krankenhaus kommen musste. Aber die Schwestern und Hebammen hatten volles Verständnis. Schließlich zählte ich als "Risiko-Schwangere" und hatte ein Recht auf zusätzliche Untersuchungen, zumal, wenn die Psyche nicht mehr mitspielen will!

15. Februar 1993 - 22. SSW, 1. Tag: Ich wusste, ich bin jetzt wieder so weit, und wenn wieder etwas passiert, war doch alles umsonst, kann niemand unserem zweiten Sohn helfen.
Nachdem ich erst einmal diesen schlimmsten Tag überstanden hatte, ging es (fast) nur noch bergauf.

Dabei halfen mir sehr die sich steigernden Kindsbewegungen, die wieder stattfindenden wöchentlichen Arztbesuche, der weiterhin stattfindende Kontakt mit "unserem" Psychologen und natürlich, nicht zu vergessen, der regelmäßige Austausch mit Vera, der immer intensiver und schöner wurde.
War die eine mal in einem Tal, holte die andere sie wieder raus. Einer der wichtigsten Sätze von Vera war für mich: "Die Norm sind einigermaßen komplikationslose Schwangerschaften, leichte bis mittelschwere Geburten und gesunde Babys!"

Denn Ruhe und Sorglosigkeit kehrten trotz allem nicht ein, die Angst vor einer Blutung und vor einem erneuten Verlust blieb bis zum Schluss.
Denn ich wusste ja durch meine ganze Leserei in der Zeit nach Christophers Tod (und bis heute), was noch alles passieren kann! So sehr mir das auch in der schrecklichen Zeit damals geholfen hat - jetzt war es doch manchmal fast ein Ballast, zu wissen, auf welche Arten Frauen noch ihre Kinder verlieren können. Trotzdem würde ich aber jederzeit genausoviel lesen und mich informieren, denn die Lektüre hatte mir damals gezeigt, dass meine Trauer völlig normal ist.
Durch den Kontakt mit Vera wusste ich jetzt, dass auch meine Ängste während der Folge-Schwangerschaft völlig normal waren. Andere Leute, Außenstehende, meinten, nun sei doch alles gut, "Happy End". Meine Ängste wurden mit dem Fortschreiten der Schwangerschaft und dem Wachsen meines Bauches immer weniger ernst genommen.
Ich hatte eigentlich nie Angst vor der Geburt, denn ich konzentrierte mich immer auf die aktuelle Situation, tastete mich von Woche zu Woche mit der wachsenden Lebensfähigkeit unseres Babys vorwärts.

In der 25. SSW stürzte ich mit dem Fahrrad. Eine anschließende Untersuchung bei Frau Dr. F.-Sch. zeigte, dass es unserem Baby blendend ging. Vierzehn Tage lang traute ich mich nicht auf das Fahrrad, doch dann wagte ich es wieder! Auf Wangerooge gibt es bis auf die Versorgungsfahrzeuge nur einige Elektro-Karren, aber keine Autos. Das Rad ist das Fortbewegungsmittel für alle. Und welche Schwangere auf dem Festland geht nur zu Fuß!? Zumal das Pflaster hier stellenweise so holprig ist, dass auch so ein Sturz verursacht werden könnte. - Und dass selbst strikte Bettruhe einen Kindsverlust nicht verhindern kann, hatte ich selbst erlebt.
Ich genoß es in dieser Schwangerschaft unendlich, "normal schwanger" zu sein, die Kindergruppe zu betreuen, die Hausaufgaben zu beaufsichtigen, Rad zu fahren, mich völlig normal zu verhalten und nicht ständige Bettruhe halten zu müssen.

Ab der 28. SSW wurde mir wöchentlich Blut abgenommen, um die Hormonwerte HPL und Östriol zu kontrollieren. Meine Ärztin hatte diese zusätzliche Sicherheitsmaßnahme vorgeschlagen, um auch das Risiko einer verkalkenden Plazenta rechtzeitig zu erkennen und das Kind notfalls vorzeitig (bei wachsenden Chancen ab der 28. SSW) zu holen.
Außerdem wurden die Vorsorgeuntersuchungen nun 14tägig (statt vorher alle vier Wochen) fällig.

Der Briefkontakt zu Vera war zu diesem Zeitpunkt noch intensiver geworden, wir konnten über wirklich alles "reden" - vielmehr schreiben. Wir haben häufig ähnliche oder gleiche Ansichten; es scheint wohl doch so etwas wie eine "Seelenverwandtschaft" zu geben!

Sechs Tage vor dem errechneten Termin, am 22. Juni, wurde ich ins Krankenhaus geschickt; der HPL-Wert, der relevantere von beiden, war an der untersten erlaubten Grenze, der Blutdruck war erhöht, ich hatte Kopfschmerzen, vom Muttermund löste sich Schleim.
An den nächsten beiden Tagen hat sich der Schleimpropf vom Muttermund gelöst, der Muttermund selbst öffnete sich auf 2 cm, der Blutdruck sank wieder - und mehr passierte nicht. Kein Blasensprung, keine Wehen, gar nichts. Jeden Tag wurden drei CTGs geschrieben, die Wehenlinie war immer ein einziger gerader Strich.
Irgendwann hatte ich dann einen Krankenhaus-Koller: Ich war stationär aufgenommen, ich fühlte mich ansonsten sehr wohl, aber mich nervten tausend Anrufer "Was denn, immer noch kein Baby da!?". Meine bis dahin doch so recht "problemlose" Schwangerschaft wurde nun durch den Krankenhausaufenthalt "unnormal". Das Warten zermürbte mich. In den Tagen entstand ein sehr langer Brief an Vera (die Ärmste, über 20 Seiten, und das auch noch handschriftlich...), mein Krankenhaus-Tagebuch mit allen Gefühlen und Stimmungsschwankungen.
Sieben Tage nach Termin, an meinem 14. Krankenhaus-Tag, das erste Belastungs-CTG: Keine einzige Wehe in Sicht. - "Kann ich auch das nicht!?"

Zwei Tage später, am 7. Juli 1993, wurde die Geburt eingeleitet.
Selbst die höchste Dosis des wehenfördernden Medikamentes erbrachte nur minimale Wehen, so dass nach drei, vier Stunden schließlich die Fruchtblase gesprengt wurde.
Danach hatte ich effektive Wehen, der Muttermund öffnete sich. Doch während jeder Presswehe sanken die Herztöne unseres Kindes massiv ab. Die Ärztin, Frau Dr. U., hielt schon die Saugglocke in der Hand, um die Geburt zu beschleunigen, doch das bereitstehende OP-Team entschied dann wegen meiner "Vorgeschichte" für einen Not-Kaiserschnitt.
Auf dem Weg zum OP rutschte der Herzton-Knopf des CTGs weg, so dass ich gar keine Herztöne mehr hören konnte. Ich war völlig verzweifelt, heulte, sollte die Wehen veratmen, durfte nicht mehr pressen, hing schon am Tropf mit "Partusisten", einem mir aus der Schwangerschaft mit Christopher so sehr vertrauten Wehen-Hemmer - und dachte, ich hätte Mathis nun auch noch verloren. Während der Minuten Vorbereitungszeit im OP hatte ich das erste Mal dann nicht nur Angst um mein Kind, sondern auch Angst, dass ich aus dieser vierten Vollnarkose nicht mehr aufwachen würde.
Mathis hatte die Nabelschnur um den Hals und um die Schulter. Den Verdacht hatten die Hebammen und Ärzte durch die CTGs geschöpft und deshalb wohlweislich am "OP-Tag" eingeleitet.
Als ich aus der Narkose aufwachte, saß Jörg neben meinem Bett, mit einem Baby im Arm. Ich war so kaputt und noch halb weggetreten, dass ich nur dachte "Aha", merkte, dass ich entsetzlich fror und nur noch schlafen wollte.
Alle Schwestern und Hebammen, die mich 1991 in den sechs Wochen kennengelernt hatte, kamen, um unseren zweiten Sohn zu bestaunen. Die Stationsschwester, A., ließ sich sogar mit ihm fotografieren. Nicht nur für uns war und ist Mathis ein besonderes Baby....
Das Glück, endlich ein gesundes Kind haben zu dürfen, glaubte ich das erste Mal so richtig, als wir mit Mathis zehn Tage später das Krankenhaus verlassen durften.

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Kaja


Im Mai 1994 lernte ich Vera endlich "persönlich" kennen, sie kam mit ihrem Mann Jörg, mit dem älteren Sohn Nico und mit Jannik, der knapp sieben Wochen nach Mathis geboren wurde, auf die Insel. Ich wurde nicht enttäuscht! Auch so verstanden wir uns blendend und standen uns nicht stumm gegenüber, wie ich es bei anderen "Brieffreundschaften" erlebt hatte.

Im Juli 1994, als Mathis ein Jahr alt wurde, entschlossen wir uns, mit einer weiteren Schwangerschaft nicht mehr lange zu warten. Im September wussten wir, dass ich wieder schwanger bin. Anfang der fünften und Anfang der neunten SSW hatte ich wieder eine leichte Blutung, die meine Ärztin jedoch auf hormonelle Ursachen zurückführte.
Bevor ich schwanger wurde, hatte ich gedacht, dass ich dieses Mal, nach einer geglückten Schwangerschaft, alles ohne Probleme und Ängste überstehen kann. Doch spätestens die Blutung in der 9. SSW holte mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Ich hatte die gleichen Ängste wie schon in der Schwangerschaft mit Mathis.
Die Blutung machte mir Angst, dass mein Kind nicht mehr lebt; Mitte Oktober war Frau Dr. F.-Sch. für drei Wochen nicht auf der Insel, sie hätte zu der Zeit sowieso noch keine Herztöne über den Bauch abhören können, die Möglichkeit zum Ultraschall gab es nur auf dem Festland, und ich sollte doch eigentlich liegen und nicht noch in der Weltgeschichte herumkutschieren!
In der 19. SSW hatte ich nach einem starken Hustenanfall (nach dem ich dann auch noch Betten bezogen hatte) noch eine Blutung, doch seither läuft alles, toi, toi, toi, ohne große körperliche Probleme!
Wenn sich unser Baby mal längere Zeit nicht rührt, sehe ich zu, dass ich es wach bekomme, damit ich einen Tritt oder einen Knuff bekomme, damit ich auch sicher weiß, dass es "ihm" gut geht. So ganz wird mich meine Angst auch dieses Mal nicht loslassen, bis zum Schluss.
Zum Glück habe ich ja auch noch Vera!


Soweit hatte ich meinen Bericht am 7. April 1995 fertig, in der 33. SSW - und erwartete eigentlich keine spektakuläre Fortsetzung, sondern nur einen kurzen Abschluss, mit Geburtstermin und -gewicht.
Doch ganz so unproblematisch endete auch diese Schwangerschaft nicht:
Ende der 34. SSW stellte meine behandelnde Gynäkologin auf der Insel fest, dass der Muttermund bereits fingerdurchlässig eröffnet und sehr weich sei. Sie verordnete umgehend "Partusisten", den Wehenhemmer, der mir bereits aus der Schwangerschaft mit Christopher bestens vertraut war.
Ein CTG zwei Tage später auf dem Festland ergab keine Wehen, doch die anschließende Untersuchung zeigte, dass sich der Muttermund auf ca. 2 cm, also weiter eröffnet hatte. Die Ärztin auf dem Festland wies mich für eine Woche ins Krankenhaus ein, "Bettruhe!". - Was es für mich bedeutete, einerseits das erste Mal von Mathis getrennt zu sein, ihn mehrere Tage am Stück nicht zu sehen, und andererseits wieder in dem gleichen Zimmer zu liegen, in dem ich im Sommer 1991 die letzten Tage der Schwangerschaft mit Christopher verbracht hatte, würde hier den Rahmen sprengen. Aber es war ziemlich schlimm! -
Anfang der 36. SSW (Freitag, 28. April) ergab die gyn. Untersuchung, dass sich am Muttermund weiter nichts verändert hatte. Am nächsten Tag sollte ich nach Hause entlassen werden. Ich freute mich riesig, telefonierte herum - und abends um 20.30 Uhr hatte ich dann einen Blasensprung.
Anfang der 36. SSW, meine Vorgeschichte im gleichen Krankenhaus - gemeinsam beschlossen Dr. O., die Hebamme B. und ich, dass es wegen des Babies besser sei, wenn ich in ein knapp 20 km entferntes Krankenhaus mit angeschlossener Frühgeborenen-Intensivstation verlegt werden würde. Das passierte noch in der gleichen Nacht. Ein fremdes Krankenhaus, fremde Ärztinnen, Hebammen, Schwestern - ich fühlte mich furchtbar alleine und hatte eine schauderhafte Angst um unser Baby. Denn nun waren wieder die Parallelen zur Schwangerschaft mit Christopher da: Vorzeitiger Blasensprung, strengste Bettruhe, die wahrscheinlich zu frühe Geburt unseres Kindes.
Am nächsten Tag (Samstag) wurde ich informiert, dass man nicht automatisch die Geburt nach 24 Stunden einleiten würde, sondern zunächst abwarten und anhand der Blutwerte prüfen würde, ob eine Infektion in meinem Körper entsteht. Doch wehenmäßig tat sich nichts! - Obwohl ich keine wehenhemmenden Medikamente mehr einnahm, sondern nur ein Antibiotikum, wegen der Infektionsgefahr.

Am zweiten Tag, Sonntag, 30. April, kamen dann doch die Wehen, und knapp fünf Stunden später war unsere gesunde Tochter da!
In den Tagen und Wochen vorher hatte ich noch große Töne gespuckt, welch große Chancen unser Baby nach vollendeter 34. SSW hat. Und wie anders war die Situation nun, als Kaja da war, als sie dann nach kurzer Zeit auf meinem Bauch vom Kinderarzt untersucht werden musste, weil sie leichte Schwierigkeiten mit der Atmung hatte! Da war jede statistische Chance weggewischt, denn hier ging es um mein Kind!
Außerdem wog Kaja lediglich 2.140 Gramm, während der letzte Ultraschall, eine Woche vorher, ein Gewicht von 2.800 Gramm, +/- 300 Gramm, erbracht hatte.
Zum Glück gaben sich die Atemschwierigkeiten nach ein paar Minuten wieder, der Kinderarzt wollte Kaja nicht mit auf die Intensivstation nehmen, sondern hielt sie trotz ihres Gewichtes für fit genug für die normale Neugeborenenstation.
Bereits eine Woche später wog Kaja 2.230 Gramm und wir wurden nach Hause entlassen.
Inzwischen, heute ist der 30. Mai 1995, wiegt sie schon 3.240 Gramm.

Ich bin froh, dass auch diese Schwangerschaft nun doch noch glücklich, wenn auch mit ängstlichem Herzklopfen, endete.

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Mai 1995


Ob wir nach diesen Erfahrungen nun noch einmal das "Risiko Schwangerschaft" eingehen wollen, vermag ich jetzt noch nicht zu sagen. (Eine Frau fragte mich, noch während ich im Krankenhaus lag, ob wir denn "nun endlich genug hätten.")
Sicherlich würden wir mindestens drei, vier Jahre verstreichen lassen. Zwei kleine Kinder zu Hause, deren Betreuung während meines eventuellen Krankenhausaufenthaltes erst einmal gewährleistet werden müsste, da werden wir schon nicht leichtsinnig sein! Aber andererseits spricht momentan nichts dafür, dass ich nicht wieder eine fast ganz normale Schwangerschaft (wie bei Mathis) und Entbindung (wie bei Kaja) erleben kann!
Und außerdem wäre ich schließlich wieder eine Risiko-Schwangere, mit allen Vorteilen einer engmaschigen Betreuung, vielen Arztkontakten. Und ich baue darauf, dass ich, im Fall der Fälle, wieder Vera und andere Gesprächspartner hätte, bei denen ich jederzeit meine Ängste loswerden könnte, die mich in angstbesetzten Situationen wieder aufbauen würden, besonders in den Augenblicken, wenn meine Gedanken Außenstehenden, Nicht-Betroffenen, unlogisch und irrational erscheinen.

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Frühjahr/Sommer 1998


In den vergangenen drei Jahren hat sich bei uns viel getan.

Mathis wird im Juli fünf Jahre alt, er ist ein charmanter, frecher Junge geworden.
Kaja hat sich sehr gut entwickelt, inzwischen besucht sie, seit ihrem dritten Geburtstag, den Kindergarten.

Seit 1996 engagiere ich mich für betroffene Eltern, zunächst im Rahmen eines überregionalen Vereines (Kontaktadressenvermittlung, Gruppenbetreuung, Vorstandsarbeit).

Da ich darüber hinaus seit September 1997 einer bezahlten Tätigkeit außer Haus nachgehe, hat sich unser Leben so eingespielt, ist es so ausgefüllt, dass wir aller Voraussicht nach keine weiteren Kinder planen. Unsere Familienplanung scheint abgeschlossen zu sein.

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© Constanze Tofahrn-Lange, Wangerooge



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letzte Aktualisierung dieser Seite: 2007-01-20

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© Constanze Tofahrn-Lange, Wangerooge
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