Erlebnisse Conni (1)

Die Geschichte unserer Kinder

"Sternchen", Christopher, "Niklas",

Mathis und Kaja


Hier könnt ihr die Anfänge meines Erfahrungsberichtes lesen, die Geschichte unserer fünf Kinder.

Noch ist die Seite im Aufbau.
Mein Bericht ist noch nicht ganz fertig überarbeitet, daher steht er nur mit den ersten "Kapiteln" im Netz.
Ich bitte um euer Verständnis! DANKE!

Erfahrungsbericht
Stand 2002-05-17

Aktualisierungen / Ergänzungen vom 2004-09-28

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Inhalt:
zum Anfang der "Erlebnisse"
Der erste Verlust - "Sternchen"
Der zweite Verlust - Christopher
Der dritte Verlust - "Niklas"
Die Zeit danach
Die erste Folgeschwangerschaft - Mathis
Die zweite Folgeschwangerschaft - Kaja
Die Jahre dazwischen
Heute
zum Ende der "Erlebnisse"

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Die Geschichte unserer Kinder

"Sternchen", Christopher, "Niklas",

Mathis und Kaja


Seit 1982 bin ich (Jahrgang 1966) mit Jörg (Jahrgang 1957) zusammen. Wir wussten "von Anfang an", dass wir mindestens zwei Kinder haben wollen. Wir stammen beide aus dem Südharz.

1989 war meine Ausbildung beendet, im Mai 1990 haben wir geheiratet, im Sommer 1990 bekam Jörg, er ist Lehrer, dann endlich eine feste Anstellung (auf Wangerooge) - und dann wollten wir so schnell wie möglich unser heiß ersehntes Wunschkind bekommen. Nun schien unserem Kinderwunsch nichts mehr im Wege zu stehen. Wie naiv waren wir doch damals in unserem Glauben, alles sei "planbar"!

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Der erste Verlust - "Sternchen"


Ich wurde dann auch sehr schnell, Ende Oktober 1990, schwanger - mit etwas anderem hatte ich auch gar nicht gerechnet, schließlich ist das "die Norm". Anfang Dezember 1990 fuhr ich das erste Mal zum Ultraschall (gab es hier auf der Insel nicht) auf das Festland. Ich sah das Herz unseres 13 mm großen Kindes schlagen, war in der achten Schwangerschaftswoche.

Ich fühlte mich richtig schwanger, ging wie auf Wolken, und kaufte voller Euphorie und mit klopfendem Herzen mein erstes "ELTERN"-Heft. Die "frische" Schwangerschaft konnte man mir sicher von der Nasenspitze ablesen...
Gut zwei Wochen später bekam ich dann, im Urlaub an unserem früheren Wohnort, H., die ersten Schmierblutungen. Weihnachten hatte meine frühere Frauenärztin, Frau Dr. P., Notdienst, sie meinte jedoch (trotz Ultraschall!!!), alles sei in Ordnung, ich solle mich nur sehr schonen. Nach meinem Blick auf den Monitor war das Kind jedoch nicht gewachsen, auch das Herz schlug nicht. Ich hatte schon Tränen in den Augen, ahnte, dass mein Baby nicht mehr lebt. Auf meine Frage hin, dass das Herz nicht schlagen würde, bekam ich nur ein "Das Baby schläft" zu hören. Die Ärztin war lediglich nicht davon überzeugt, dass ich in der 11. SSW sei, sondern "eher in der zehnten". Doch das Ultraschall-Foto zeigt deutlich ein für die Zeit viel zu winziges Kind.
Wir (Jörg und ich) wollten die Zahlen (13 mm, genau wie drei Wochen zuvor) einfach anders interpretieren; der Gedanke, unser Baby sei vielleicht tot, tat zu sehr weh. Wenn schon die Ärztin nicht zugeben konnte, dass unser Kleines nicht mehr lebte, wieso dann wir!?
Natürlich war ich froh, mich - vorerst - nicht der befürchteten Gewissheit stellen zu müssen, dass ich unser Wunschkind verloren habe. Dennoch fühlte ich mich "nicht mehr schwanger", auch die körperlichen Symptome schwanden. Doch wenn ich äußerte, dass ich Angst hätte, dass eine "verhaltene Fehlgeburt" geschehen sei, wurde abgewinkt. Ich hätte wieder einmal zuviel gelesen und würde mich unnötig verrückt machen.

Anfang Januar 1991 jedoch, immer noch im Urlaub, die Blutungen hörten immer noch nicht auf, suchte ich das Krankenhaus in O. auf - das Kind war seit mindestens drei, eher vier Wochen tot. Eine Ausschabung musste vorgenommen werden.
Beim Blutabnehmen brauchte die Ärztin mehrere Anläufe, bis sie auf eine brauchbare Vene gestoßen war, ich konnte nur noch weinen und wollte nicht wieder aufhören.
Das hörte erst in dem Moment - vorübergehend - auf, als der Narkose-Arzt zu mir sagte: "Regen Sie sich bitte nicht so auf, sonst kann die Narkose nicht wirken!"

Eine Ursache für den Tod unseres Kindes ließ sich, auch aufgrund der so langen Zeit bis zum Feststellen der Fehlgeburt, nicht feststellen. Doch man sagte mir, jede zweite Frau hätte einmal in ihrem Leben eine Fehlgeburt. Die Entwicklung des Kindes würde meist einfach aufhören, weil etwas schiefgelaufen wäre. Die Natur würde so schwerste Missbildungen verhindern, sich selbst helfen.

Ich habe sehr gelitten, hatte ich doch kaum jemanden außer meinem Mann, mit dem ich mich aussprechen konnte - wir wohnten erst ein knappes halbes Jahr auf der Insel, hatten noch nicht so viel Anschluss, und einige "Freundinnen", die ich über Briefe zu erreichen versuchte, ließen nichts von sich hören. Ich hatte auch das Gefühl, "darüber spricht man nicht", das muss man so wegstecken - schließlich hatte man mich sogar im Krankenhaus in O. mit vier Hochschwangeren (alle mindestens in der 32. SSW) auf ein Zimmer gelegt, die zweimal täglich an das CTG angeschlossen wurden, sich gegenseitig ihre Ultraschall-Fotos zeigten. In der letzten Nacht kam sogar noch eine Frau dazu, die schon in den Wehen lag. Zu Weinen traute ich mich nur heimlich.

Aber ich wollte reden, ich spürte, dass ich das musste, obwohl "man" das doch nicht tut. Dieser Widerspruch war mir damals schon bewusst. Das Problem war nur, mit wem? Außer Jörg hätte ich gerne noch andere Gesprächspartner gehabt.

Ich habe viel geweint und an mir selbst gezweifelt. Ich badete in Selbstmitleid, fragte mich, warum gerade wir unser Wunschkind nicht bekommen durften, während andere - intakte - Schwangerschaften abgebrochen werden, weil sich das Kind zu einem "unpassenden" Zeitpunkt anmeldet. Warum gaben diese Frauen ihre Kinder nicht statt dessen zur Adoption frei!?
Ich war "überzeugt", dass ich kein leibliches Kind mehr bekommen würde. Schließlich hatte ich im Dezember in H. mit meinen Ahnungen einer "verhaltenen Fehlgeburt", mit dem Bemerken des Schwindens der körperlichen Schwangerschaftssymptome, auch recht gehabt, obwohl alle beschwichtigt hatten, ich würde mich irren, ich sei überempfindlich.
Ich wusste nicht, wohin mit meinen Ängsten, denn sie schienen nicht "normal" zu sein. Offensichtlich war es nicht üblich, um ein Kind zu trauern, das nur einen guten Zentimeter groß gewesen und acht oder neun Wochen in mir hatte wachsen dürfen.
Viele Leute, die Bescheid wussten um unser verlorenes Kind, vertrösteten uns auf die nächste Schwangerschaft. Selbst eine betroffene Frau aus unserem Bekanntenkreis schrieb mir, ich solle es positiv sehen, nun würde ich wenigstens nicht bei unserem geplanten Umzug - in eine größere Wohnung - schwanger sein.
Ich spürte auch eine große Wut auf die Ärztin, die mir die - doch sicherlich von ihr festgestellte - Fehlgeburt aus welchen Gründen auch immer nicht mitgeteilt hatte. Was für Folgen würde das für meine Fruchtbarkeit, für die Empfängnis, für weitere Schwangerschaften haben? Der Arzt im Krankenhaus hatte die Ausschabung als dringend für den nächsten Tag angesetzt; wie schlimm war es, so lange mit meinem toten Kind im Bauch herumgelaufen zu sein? Dieser Gedanke machte mir Angst.

Heute denke ich, dass ich diese Fehlgeburt lange fest "zugedeckelt" und nicht verarbeitet hatte, weil man mir meine Trauer nicht zugestand (begonnen mit der Unterbringung im Sechs-Bett-Zimmer mit hochschwangeren Frauen jenseits der 30. SSW), und dem unfassbaren Erleben, dass die Gynäkologin an unserem früheren Wohnort, trotz Ultraschall nicht gesehen oder nicht wahrhaben wollen, was ich als Laie und Mutter meines Kindes intuitiv sofort bemerkte, nämlich, dass keine Herztöne mehr da waren, dass das Kind um mindestens 14 Tage in der Entwicklung zurück und - dass es tot war.
Im Oktober 1997 erst bekam unser Baby seinen Namen, wir nennen es "STERNCHEN" - Kaja meint (Juli 2000), es ist ein Mädchen. Aber hier greife ich vor.

Die Meinungen der Ärzte, wann ich denn nun wieder schwanger werden dürfe, gingen weit auseinander. Einer sagte, schon nach einem Zyklus - wenn dann noch nicht alles in Ordnung sei, würde ich sowieso nicht wieder schwanger werden. Ein zweiter Gynäkologe meinte, wir sollten vorsichtshalber zwei Zyklen abwarten. Als im Radio eine Sendung zum Thema "Schwangerschaft" lief, rief ich dort an - und der "Experte" sprach von einem halben Jahr Wartezeit. Da das Kind schon sehr früh (ab)gestorben war und meine Regel genau vier Wochen nach der Ausschabung einsetzte, beschlossen wir, es dann auch gleich (im Februar 1991) zu versuchen.

Als es nicht sofort klappte, verzweifelte ich noch mehr. Jede einsetzende Regelblutung ließ mich wütend, launisch, traurig, pessimistisch zugleich werden. Noch nicht einmal mehr schwanger werden konnte ich! Am besten, wir kümmerten uns gleich um eine Adoption! Wozu blieb ich denn dann überhaupt - statt arbeiten zu gehen - in Erwartung einer eintretenden Schwangerschaft zu Hause?

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Der zweite Verlust - Christopher


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Schwangerschaftsscheibe von Christopher
(aus der "ELTERN")



Ende Mai 1991 war ich dann das zweite Mal schwanger, und bekam nach einer Woche (6. SSW), wieder an unserem alten Wohnort, H., Blutungen. Ich hatte furchtbare Angst um unser Baby. Man nahm mich im Krankenhaus H. stationär auf.
Jörg konnte mich nicht oft besuchen; an den ersten Tagen war er zwar in einer nahegelegenen Jugendherberge - in O. - auf Klassenfahrt und somit erreichbar, doch dann musste er nach Wangerooge zurück. Sicherlich hatte ich meine Eltern, andere Verwandte und Freundinnen, die mich besuchten, doch Jörg als "betroffener Vater" - und als mein Mann - wäre halt doch etwas anderes gewesen, neben mir hatte er die größte Nähe und Verbundenheit zu unserem Kind.
Die Blutungen hörten trotz langsam gesteigerter Bewegungen recht schnell auf.
Gut ging es mir aber nur an den wenigen Tagen, an denen ein Ultraschall stattfand und ich mich davon überzeugen konnte, dass mein Baby noch lebt. Doch schon am nächsten Tag war ich mir häufig nicht mehr sicher, ob es unserem Kind gut geht.
Die Situation auf dem Zweibettzimmer war zusätzlich belastend; entgegen den Versprechungen des Pflegepersonals während meiner Einlieferung gegenüber meiner Mutter ("Nein, selbstverständlich legen wir Ihrer Tochter keine Hochschwangere auf das Zimmer!") wurde schon am zweiten Tag eine junge Frau eingeliefert, die in der 37. SSW dann auch ein paar Tage später ihr Baby bekam und dieses auch auf dem Zimmer hatte. Sosehr ich ihr auch ihren gesunden Sohn gönnte, so weh tat es mir auch, sie ihr gesundes Kind halten und stillen zu sehen, während ich mal wieder zweifelte, ob meines überhaupt noch lebte.
Nach der Entlassung von A. legte man mir in den letzten Tagen wieder eine Frau auf das Zimmer, die - nach einem Blasensprung am Termin - sogar schon Wehen hatte.
Oberflächlich gesehen, ging es mir ja gut, die Blutungen hatten aufgehört; die psychische Belastung, die eine direkte Konfrontation mit einer glücklichen "Normal-Schwangeren" für mich bedeutete, schien nebensächlich zu sein.
Nach insgesamt vierzehn Tagen wurde ich entlassen, eine weitere Woche später (9. SSW, 23. Juni) hatte mich Wangerooge wieder. Doch die Blutungen begannen immer wieder.
Obwohl ich durch viele Bücher zum Thema "Schwangerschaft & Geburt" (z.B. von Lennart Nielson) eigentlich wusste, wie groß ein Baby in diesem Schwangerschaftsstadium ist, dachte ich bei jedem abgehenden Blut-"Koagel", das sei nun das Kind gewesen, es sei vorbei.
Das Warten auf den Krankenwagen in unserer noch telefonlosen neu bezogenen Wohnung war immer wieder furchtbar, meine Ängste steigerten sich ins Unermessliche, ich hielt es kaum noch aus, so hin und her gerissen zu werden zwischen Hoffnung auf ein gesundes Kind und dem Gefühl, alles sei schon zu Ende gegangen. Es tat weh, mich und meine Ängste kaum mitteilen, verständlich machen zu können.

Schließlich wurde es meiner Gynäkologin zu riskant, sie ließ mich - ich war in der 16. SSW - nach einer erneuten Blutung per Hubschrauber ins Krankenhaus nach Jever bringen (Wangerooge hat kein Krankenhaus). Mir wurde - neben Wehenhemmern und Valium - ganz strenge Bettruhe verordnet, ich durfte auch nicht zum Duschen oder zur Toilette gehen. Trotzdem hörten die Blutungen nicht auf, ließen sich nicht stoppen, sie waren massiv, aber dennoch entwickelte sich unser Kind völlig zeitgerecht und normal, mein Bauch wuchs. Die Ärzte vermuteten eine Plazenta praevia, also eine zumindest zum Teil vor dem Muttermund liegende Plazenta.
Ich war darauf gefasst, die restlichen Monate bis zur Entbindung liegen zu müssen, doch ich hätte wohl alles für mein Kind getan.

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Ultraschallbild von Christopher vom 23.07.1991


Es war nicht besonders schön, so wenig Besuch zu bekommen; Jörg hing auf der Insel fest, konnte mich meist nur am Wochenende besuchen, wobei man in der Klinik so kulant war und ihn nach Möglichkeit bei mir im Zimmer übernachten ließ, wenn ich alleine war. Wangerooge ist tideabhängig, die Schiffe fahren also nur unregelmäßig, die Flüge sind extrem teuer. Auch für meine Versorgung mit frischer Wäsche, Säften und ähnlichen Dingen, die das Krankenhausleben einfacher machen, war das nicht immer angenehm. So sehr ich "unsere" Insel liebe, in der Zeit habe ich häufig auf die Insellage geschimpft. Ich bekam nicht, wie andere Frauen, jeden Tag meinen Mann zu sehen, der meine Hand hätte halten und meinen Bauch hätte streicheln können...
Unsere Verwandten, ehemalige Kolleginnen und Freundinnen wohnen in ca. 350 km Entfernung, so dass auch von dort nur selten Besuch kommen konnte. Zum Glück bekam ich sehr viele Anrufe und auch einige Päckchen.
Freunde von der Insel konnten aus den gleichen Gründen wie Jörg nur sehr selten auf das Festland kommen.

Durch die beiden anderen Schwangeren, S. und B., die lange Zeit mit auf dem Drei-Bett-Zimmer lagen, hatte ich allerdings sehr viel Ablenkung und auch Spaß.
Kritisch wurde meine Stimmung immer nur bei der Visite, wenn der eine der beiden Ärzte mit einem "Und nun zu unserem Problemfall" an mein Bett trat. Er holte mich so immer an den Boden, in die Realität, was furchtbar weh tat, weil ich völlig verdrängte, dass ich mein Baby verlieren könnte. In der Erwartung eines erneuten Verlustes hätte ich die voraussichtlich monatelange Liegezeit nicht überstanden. Ich hatte sonst keine Angst um mein Baby, geschweige denn um mich.
Im Nachhinein waren die Kommentare dieses Arztes die einzige "Vorbereitung" auf die dann eintretende Katastrophe.

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Ultraschallbild von Christopher vom 12.08.1991


Nach knapp sechs Wochen, Ende der 21. SSW - die Blutungen hatten aufgehört und wir hatten gerade begonnen, unseren Transport in ein Perinatalzentrum (wir hatten uns für Hannover entschieden - Münster wäre die Alternative gewesen) in der 24. SSW für den 4. Oktober zu planen - hatte ich nachts einen Blasensprung.
Es war Mittwoch, der 18. September 1991.
Der Arzt machte mir kaum Hoffnung, doch da der Ultraschall zeigte, dass mein Kind lebte, war ich nicht bereit, auf die wehenhemmenden Mittel zu verzichten - was mir aber aufgrund der geringen Chancen angeboten wurde. Dennoch hoffte ich auf die vier, fünf Prozent Chance, die der Arzt noch für unser Baby ausgerechnet hatte.

Am nächsten Tag (Donnerstag, 19. September) hatte ich trotz der Medikamente leichte Wehen, aber das Herz unseres Sohnes schlug sowohl morgens als auch abends beim CTG, auf der gesamten Station breitete sich allmählich Optimismus aus, "vielleicht geht es ja doch noch gut!".
Besonders am Morgen herrschte helle Aufregung: Als eine Krankenschwester kam, um nach Herztönen zu suchen, war sie ganz aufgeregt, dass unser Kind noch lebte - womit offensichtlich niemand mehr gerechnet hatte: "Da sind ja noch Herztöne, das gibt's doch nicht, das sind doch Herztöne! Klingel mal einer schnell, holt mal Margret (die Hebamme)!" (zu den anderen Patientinnen).
Jörg war den ganzen Tag bei mir, nach dem Blasensprung hatte ich ihn informiert, und wir hatten irgendwie doch die Geburt an diesem Tag befürchtet. Dadurch, dass das Fruchtwasser fehlte, konnten wir auf meiner rechten Bauchseite deutlich unser Kind (seinen Rücken) und seine Bewegungen sehen und spüren. Das war schon ein merkwürdiges Gefühl, denn ich hatte erst seit ca. drei Wochen zarte Kindsbewegungen gespürt, war mir ihrer erst seit knapp zwei Wochen ganz sicher gewesen.
Da sich - neben starkem Schleimabgang, den wir nicht als Lösen des Propfens vom Muttermund wahrhaben konnten und wollten, sondern als "Ausfluss" einschätzten - weiter nichts tat, fuhr Jörg am Abend wieder nach Hause.
In der Nacht kontrollierte die Nachtschwester regelmäßig, ob ich keine Blutungen bekam. Im Nachhinein kann ich mir erklären, dass man die Lösung der Plazenta befürchtete. Ich schlief schlecht und bat meinen Sohn - ich war mir nun sicher, dass es ein Junge ist und redete ihn mit seinem Namen an -, bei uns zu bleiben, erzählte ihm, dass wir ihn brauchen und lieben, dass er uns nicht verlassen darf.

Am nächsten Morgen, Freitag, 20. September 1991, dem ersten Tag der 22. SSW, wurde ich untersucht, der Muttermund war vollständig geöffnet, "die Geburt ist nicht mehr aufzuhalten, wir können nichts mehr tun".
Irgendwie muss ich das geahnt haben, denn ich hatte "vorsichtshalber" schon kaum gefrühstückt.
Für unser Baby war es viel zu früh, um außerhalb meines Körpers irgendwelche Überlebenschancen zu haben - nach Herztönen wollte niemand mehr suchen, um es mir nicht noch schwerer zu machen. Sonst hätte ich wohl auch die wehenhemmenden Mittel weiter genommen, hätte mich nicht an den Wehentropf anschließen lassen...

Ich wurde nicht alleine gelassen, ständig war jemand bei mir. Es tat gut, diese Fürsorge zu spüren. Ein Telefon wurde angeschlossen, damit ich meine Angehörigen informieren konnte, was ich dann auch wie unter einer Glasglocke tat. Ich war wie betäubt, alles lief ab, ohne dass ich handeln oder etwas tun konnte, die Verantwortung und die Entscheidungen waren aus meinen Händen genommen worden.

Rein vom Gedanken her wusste ich, dass ich jetzt mein Kind bekomme, aber irgendwie rauschte alles an mir vorbei. Manchmal konnte ich ganz klar denken, als stünde ich außerhalb meines Körpers und könne die Ereignisse wie ein unbeteiligter Zuschauer beobachten, und dann wieder war ich völlig verzweifelt, dass mein Kind nun sterben müsste, dass ich trotz all' meiner Liebe nichts mehr für meinen Sohn tun könnte. Ich dachte: "Das ist nicht wahr, das passiert nicht uns!"
Gedanken wegen des Geburtsablaufes schossen mir durch den Kopf: "Das geht nicht! Kann ich das überhaupt? Ich weiß doch gar nicht, wie das geht!" Ich war noch gar nicht auf eine Geburt, auf Hecheln, Pressen, usw. vorbereitet, eingestellt.

Ich wollte Jörg vorerst "schützen", die Geburt alleine durchstehen, stark sein, ihn erst im Unterricht lassen, "hinterher" informieren, doch irgendwann schaffte ich es, mich zu entscheiden, in der Schule anzurufen, damit man Jörg zu mir schickt. Er konnte gerade noch rechtzeitig aus dem Unterricht, um per Flieger zu mir zu kommen. So war er die letzten Minuten der Geburt von CHRISTOPHER (um 11.25 Uhr) dabei.
Es bedeutete mir unendlich viel, Jörg dabeizuhaben, ihn meine Hand halten zu spüren. Er gab mir sehr viel Kraft.

Der Name unseres Sohnes - wir vermuteten seit einem US am 23. Juli, dass wir einen Jungen bekommen würden - war eine Woche vor seiner Geburt einfach "da". Jörg hatte ein Namensbuch mitgebracht, und über das "C" hinaus brauchte ich gar nicht zu blättern, der Name stand sofort fest.
Als Christopher dann starb, fand ich den Namen auch besonders passend, weil der Heilige Christophorus nicht nur der Schutzheilige der Schiffer und Flößer ist, sondern auch der Nothelfer der Kinder sein soll.

Ich weiß bis heute nicht, in welchem Augenblick Christopher gestorben ist.
Fest steht, dass er am Abend vor seiner Geburt noch gelebt hat. Am Morgen des 20. September wollte niemand mehr nach Herztönen suchen.
Ich denke, bei dem Kampfeswillen, den er gezeigt hat, ist der Zeitpunkt seines Todes sehr spät zu setzen, wahrscheinlich starb er wohl "unter der Entbindung". Das ist mir immer noch sehr wichtig, begründen kann ich das nicht logisch, es ist "nur ein Gefühl". Vielleicht, weil es Christophers Kraft, seinen starken Willen zeigt, seine Chancen, die er gehabt hätte, wenn...

Schon vorher hatte die Hebamme mich gefragt, "Möchtest du dein Kind hinterher sehen?" Es gab keine andere Antwort als ein "Ja!" Als Jörg dann da war, fragte sie uns noch einmal, und wieder war klar: "Ja!"
Ich werde es nie vergessen, nachdem sie Christopher gewaschen hatte, brachte Margret ihn uns mit den Worten: "Ich bringe euch euren Sohn!"

Wir konnten ihn also sehen. Chris wog 435 Gramm und hatte eine - für die 22. SSW - stattliche Länge von 30 cm. Da ich vorher Schmerzmittel bekommen hatte, und anschließend eine Vollnarkose bekam, sind meine Erinnerungen an ihn nur sehr verschwommen.
Jörg hat Christopher genauer betrachten können, er war verblüfft über die Ähnlichkeit mit mir, darüber, wie sehr "kleiner Mensch" unser Sohn schon war. Alles war dran, sogar die Fingernägel. Und große Füße hatte er! Vorher hatten wir das alles irgendwie verdrängt, schließlich sprechen die Mediziner ja - bis zur 28. SSW (Anmerkung: mittlerweile "nur noch" bis zur 25. SSW) - von einer "(späten) Fehlgeburt", was für mich immer etwas mit "Fehler", "falsch", zu tun hat.

Leider lautete die nächste Frage der Hebamme dann: "Soll ich ihn wieder mitnehmen?"
In solchen Momenten ist man für einen Widerspruch zu schwach, wir haben "Ja." geantwortet, doch eigentlich "Nein!" gemeint. Gerne hätte ich Christopher berührt, ihn im Arm gehalten - lange Zeit hatte ich noch heftige Schuldgefühle, diese einzige Chance, mein Kind zu berühren, nicht genutzt zu haben.

Wir haben es nie bereut, Christopher gesehen zu haben. Es war einer der wertvollsten, berührendsten Augenblicke in unserem Leben...

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Anschließend wurde eine Ausschabung vorgenommen.

Noch vom Krankenhaus aus rief ich die ganze Familie an. Unser Schwager, der Arzt ist, und kurz vorher an einem Trauerseminar mit Verena Kast teilgenommen hatte, sagte mir sinngemäß: "Lass die Trauer zu, lass sie raus, egal wie, sonst wirst du eines Tages, auch noch nach Jahren, körperlich oder psychisch sehr krank!"

Der behandelnde Arzt, den ich nach Urkunden oder ähnlichem fragte, sagte, da unser Kind unter 1.000 g gewogen hätte, keine 35 cm lang gewesen sei und außerhalb meines Körpers nicht geatmet hätte, würde es als "Fehlgeburt" zählen. "Seien Sie froh, dass Sie jetzt nicht auch noch die ganzen Behördengänge haben!" Ich halte ihm aber zugute, dass er es bis dahin wirklich nicht besser wusste. Aber schon in dem Moment, keine 24 Stunden nach der Entbindung, fand ich das "verkehrt".

Wir wussten, dass diese Kleinen als "Klinikmüll entsorgt" werden - hatte unser Kind nicht ein Anrecht auf eine würdevolle Beisetzung?
Ich war immer noch wie in Watte verpackt, unter Schock, und ließ den Gedanken an das "Wohin?" nach der Aussage des Arztes noch nicht näher an mich heran, ließ es mit der Antwort "Seien Sie froh...!" vorerst gut sein, auf sich beruhen.

Eine Ursache, WARUM die Blutungen nicht aufhörten, WARUM sich die Geburt nicht aufhalten ließ, wurde nicht direkt festgestellt, Christopher war völlig normal entwickelt. Das bestätigte auch später der pathologische Untersuchungsbericht.
Als Grund wurde uns, eine - aufgrund der langandauernden Blutungen - aufsteigende Infektion genannt, die die Fruchtblase porös gemacht und damit den Blasensprung ausgelöst hatte.

Am 22. September wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen. Vorher war das nicht möglich, weil ich erst wieder lernen musste, zu laufen. In den sechs Wochen zuvor hatte sich meine Beinmuskulatur abgebaut.

Ich hatte in diesen zwei Tagen ein Einzelzimmer und Jörg durfte bei mir bleiben. Er tröstete mich, wenn ich die anderen Babys auf der Station hörte oder sah und weinen musste. Unser Zimmer, Nr. 55, eigentlich ein "Wehenzimmer", in dem ich aber auch entbunden hatte, lag direkt neben dem Säuglingszimmer. Jedes Mal, wenn ich den Gang überqueren musste, um zur Toilette zu gehen, sah und hörte ich Babys. Es tat jedes Mal sehr weh, und dennoch suchte ich diese Konfrontation förmlich; ich merkte, dass es mir gut tat, offen mit diesen starken Gefühlen umzugehen, zu leben, eben in das Säuglingszimmer zu sehen, statt die Augen abzuwenden. Was konnten diese Kleinen auch dafür, dass Christopher nicht leben durfte!? Und ich hasste nun ja auch keine Babys, ich liebte sie nach wie vor, mehr denn je, und sehnte mich nach meinem eigenen, das ich nun nicht mit nach Hause nehmen durfte.

Ganz langsam lernte ich in diesen Tagen, zu begreifen, dass ich nicht "eine Fehlgeburt" gehabt hatte, sondern dass ich ein Kind geboren hatte, unser Kind, das nicht lebensfähig war. Ich musste mich - noch unter dem Einfluss des Schocks - daran gewöhnen, die Worte "mein Sohn", "mein Kind" und seinen Namen, "Christopher", auszusprechen, was anfangs noch sehr schwierig war, weil ich nicht begreifen konnte und wollte, was uns, ausgerechnet uns, passiert war.

Ich bekam starke Medikamente mit nach Hause, eines zum Abstillen, denn so weit war mein Körper schon, hier funktionierte er schon, indem er Milch für unser totes Kind produzierte, ein anderes zur Rückbildung der Gebärmutter. Mir war jeglicher Appetit abhanden gekommen; nur, weil Jörg mich sehr bat und wegen der Medikamente aß ich wenigstens ein bisschen. Mit diesem "Nahrungsentzug" wollte ich meinen Körper für seine "Fehlfunktion" strafen, denn Christopher musste wegen der "Fehlfunktion" meines Körpers sterben. Er selber war ja völlig gesund gewesen.

In der Wohnung, die wir erst ein paar Wochen zuvor bezogen hatten, war noch viel zu tun. Ich hatte wegen strenger Bettruhe und dann wegen des Krankenhausaufenthaltes nichts tun können, Jörg war bei jeder Gelegenheit, möglichst zweimal in der Woche, bei mir im Krankenhaus gewesen und hatte auch sonst viel für mich erledigen und besorgen müssen.
Ich stürzte mich in die Aufräumarbeiten, betäubte mich damit. Die körperliche Arbeit tat mir sehr gut, ich "verarbeitete" meine Trauer auch auf diese Weise. Und so verhinderte ich auch, dass ich nur weinend auf der Couch saß. Was natürlich dennoch oft passierte. Ich weinte und schrie meine Trauer und meine Wut oft auch laut heraus. Das half mir sehr.
Meine Trauer äußerte sich auch in körperlichem Schmerz. Diese Schmerzen ließen sich nicht lokalisieren, aber es tat furchtbar weh.

Daneben spürten wir aber beide auch ein minimales Stück Erleichterung - natürlich nicht darüber, dass unser Kind tot war. Sondern, dass endlich eine Entscheidung gefallen war. Eine furchtbare Entscheidung, die wir nie gewählt hätten. Aber nun war Klarheit da. Wir mussten lernen, mit dem Verlust unseres Sohnes zu leben. In den Wochen vorher war es ständig bergauf und bergab gegangen, das ständige Wechselbad der Gefühle hatte sehr an unseren Nerven gezehrt, war an unsere Substanz gegangen.
Der Spruch "Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende!" ist blöd, aber es trifft zu, dass man nicht unendlich lange in Ungewissheit leben kann.


Zum Glück nahm ich bereits drei Tage nach Christophers Geburt, also am Montag, Kontakt zu einem Verein für Eltern von Sternenkindern auf. Die Telefonnummer hatte ich zufällig gefunden, ich rief noch am selben Abend an. Mir waren die Gesprächspartner ausgegangen, ich suchte Menschen, denen ich den Verlust von Christopher - und unsere Trauer um ihn - mitteilen konnte.
Am Ende des langen Gespräches mit der Ansprechpartnerin stellte sie dann die so entscheidende Frage: "Lassen Sie Ihren Sohn beerdigen?" Ich war wie vor den Kopf geschlagen, sagte ihr, was man uns mitgeteilt hatte. Sie berichtigte die Fehlinformationen, und teilte mir mit, mit etwas Glück (Christopher war erst Freitag Mittag geboren und wurde in einem anderen Krankenhaus pathologisch untersucht), sei es noch nicht zu spät. Wenn wir die Kraft hätten, zu kämpfen, und eine Beerdigung wünschten, sollten wir es doch probieren.

Ich hatte das Gefühl, endlich etwas für mein Kind tun zu können, endlich meine Fürsorge und Liebe meine Wut, meine Trauer und die Kraft, die daraus wuchs, in "richtige" Bahnen lenken zu können, es war wie eine Befreiung.

Und, so paradox es auch klingen mag, aber ich hatte schon die ganze Zeit das Gefühl: Früher haben wir sogar unsere Wellensittiche liebevoll im Garten beigesetzt, und mein eigenes Kind, unser "Fleisch und Blut", landet in der Mülltonne - das darf doch nicht sein, ein würdevoller Abschied für einen Menschen muss doch sein!

Ich führte unzählige Telefonate, in der Pathologie rief ich an, um zu verhindern, dass man Christopher "beseitigte", es mussten Papiere beschafft werden, von denen niemand wusste, wie sie aussehen sollten, wir nahmen Kontakt mit der Kirchengemeinde an unserem alten Wohnort auf, dort empfahl man uns eine Urnenbeisetzung im vorhandenen Familiengrab, ein Bestattungsunternehmer wurde beauftragt, ich rief dauernd im Krankenhaus an.

Als ich in der Pathologie des Krankenhauses Wi. anrief und nach meinem Kind fragte, sagte man mir im Brustton felsenfester Überzeugung, es sei in den letzten Tagen kein Kind in der Pathologie eingeliefert worden, es sei kein Baby da. Sie rafften erst, wen oder "was" ich meinte, als ich erzählte, dass ich mein Kind in der 22. SSW verloren hatte. Christopher war für sie kein Kind!!! Wie waren sie da an ihn rangegangen, als sie noch nicht wussten, dass wir ihn zur Bestattung wiederhaben wollten???

Unsere Ärztin war so nett und schrieb Jörg, als er ein Rezept für mich abholte, für die letzten Tage bis zum Beginn der - auf Wangerooge vierwöchigen - Herbstferien krank. Er wäre sicherlich nicht in der Lage gewesen, den Unterricht zu überstehen, doch von sich aus wäre er nie seiner Arbeitsstelle ferngeblieben.
So tat sie Jörg ein gutes Werk, dass er sich nach den Anstrengungen der letzten Wochen nicht noch mehr verausgaben musste. Und auch ich war froh, in der Wohnung, die ich trotz der Blutungen so hoffnungsvoll verlassen hatte ("Rückkehr mit Baby"), nicht länger als höchstens mal eine halbe Stunde alleine bleiben zu müssen.

Aus der Euphorie, Bücher und Zeitschriften zum Thema "Schwangerschaft" zu lesen, herausgerissen, bestellte und las ich unzählige Bücher für betroffene Eltern, in denen ich all' meine - mir und anderen merkwürdig erscheinenden - Gefühle und Gedanken wiederfand. Die Bücher zeigten mir, dass ich "normal" war und nicht durchdrehte, sondern "nur" trauerte.

Außerdem informierte ich mich auch über die Chancen der extremen Frühchen, von denen einige wenige sogar ohne Folgeschäden überlebt hatten.
Ein Satz, den ich las, berührte mich besonders: "Jedes Baby hat seine eigene Geschichte und damit auch sein eigenes Risiko oder seine eigene Chance, zu überleben." Dieser Satz war mir sehr wichtig, weil er klarstellte, dass manchmal zwar ein recht reifes Frühgeborenes gesundheitliche Komplikationen bekam oder gar sterben musste, während dann auch wieder ein sehr frühes Frühgeborenes ( - Christopher! - ) ohne gesundheitliche Probleme überleben KONNTE. Wie gering diese Chance tatsächlich war, war mir auch klar, aber es war mir wichtig, dass die Möglichkeit überhaupt bestand.
Ein kleiner, damals etwa dreijähriger Junge aus England ist mir noch heute in Erinnerung: Er war völlig gesund, obwohl er in der 23. SSW geboren war!

Wenn ich auf der Straße sah, wie jemand mit seinem Kind schimpfte, es anschrie oder gar schlug, wurde ich maßlos wütend. Wussten denn diese Leute nicht um ihr Glück, ein gesundes Kind zu haben - oder gar mehrere!? Hatten sie denn keine Ahnung, dass es keinesfalls selbstverständlich ist? Ich war immer kurz davor, hinzugehen und den Leuten meine Meinung zu sagen.
Ich nahm mir fest vor, sollten wir jemals das Geschenk eines weiteren, gesunden, Kindes zu bekommen, SO nicht mit ihm umzugehen.

Ich begann, ein Tagebuch für unseren Sohn zu führen, in dem ich meine Gedanken und Gefühle in den ersten Wochen nach seiner Geburt und seinem Tod festhielt.

Es gab mehrere Gewitter, meist nachts, und ich konnte nicht schlafen, weil ich spürte, wie sehr unser kleiner Sohn Angst hatte, und weil ich es furchtbar fand, nicht bei ihm sein, ihn trösten zu können. Es tat unglaublich weh. Das klingt irgendwie komisch und "abgehoben", es läßt sich auch schlecht formulieren, aber Tatsache war, dass ich in den Situationen besonders litt, in denen ich mein lebendes Kind in den Arm genommen und getröstet hätte, was nun aber nicht möglich war.

Anfang Oktober, in unseren Herbstferien, fuhren wir nach H., mit der Hoffnung, dass die Beisetzung bald dort stattfinden würde. Ein Anruf bei unserem Bestattungsunternehmer in W. erbrachte, dass sich Verzögerungen ergeben hätten. Wieder eine schlechte Nachricht!

Gemeinsam mit meinen Eltern sahen wir den TV-Beitrag "Tot geboren - Vom jähen Ende guter Hoffnung" von Angelika Schmidt-Biesalski. Dieser Film veranschaulichte sehr gut, wie "normal" unsere Gefühle waren, wie gut es war, dass wir Christopher gesehen und ihm einen Namen gegeben haben, wie richtig unser Entschluss war, ihn beerdigen lassen zu wollen. Aber auch zum Thema "Tod allgemein" wurde gut verdeutlicht, dass viele verwaiste Eltern, so wie andere Hinterbliebene auch, reden wollen, Ansprache brauchen, und dass Nicht-Betroffene sich nicht "erst einmal zurückziehen und die Betroffenen zur Ruhe kommen lassen" sollten. Meinen Eltern als nicht unmittelbar Betroffenen hat dieser Film (Ich konnte ihn noch lange nicht sehen, ohne zu weinen!) sehr geholfen, uns und unsere Gefühle zu verstehen und hat ihnen Mut gemacht, mit uns über unseren Sohn, ihren ersten Enkel, zu reden.

Ich war immer wieder hin- und hergerissen; ich wollte Christopher loslassen, konnte es aber noch nicht. Ich sprach mit Jörg über meine Verzweiflung, und er sagte mir, dass er unseren Sohn loslassen könne, weil er darauf vertraue, dass es ihm gut geht.

Gut drei Wochen nach dem Verlust unseres Kindes hielt ich das erste "fremde" Baby auf dem Arm: Pascal, der später auch mein Patensohn wurde. Es war eine sehr schmerzliche, aber auch heil machende Erfahrung, dieses nur drei Wochen ältere Baby halten zu dürfen.
Meine Freundin R., die Mutter von Pascal, hatte mir ein schrittweises Annähern an ihr Kind ermöglicht. Bei meinem ersten Besuch saß er in einer Wippe. Ich musste immer wieder hinsehen, das war hart genug für den Anfang. Bei meinem zweiten oder dritten Besuch fragte R. mich dann, ob ich ihn gerne halten wolle, und ich fühlte mich stark genug dazu.
Ich kann mich noch erinnern, dass ich sogar eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Pascal und Christopher entdeckte, das längliche Gesicht. Bisher hatte ich starke Schuldgefühle wegen Christophers länglicher Kopfform gehabt, denn ich hatte sie auf die Pause beim Pressen (unser Sohn wurde in Steißlage geboren) geschoben. Nun schien diese - bzw. eine ähnliche - Form des Kopfes durchaus normal zu sein.

Nach unserer Rückkehr aus H. musste ich dann noch mal zum Ultraschall, zur Nachuntersuchung nach Jever. Der Arzt, der sich sehr für die Beerdigung von Christopher eingesetzt hatte, auch weil er das für meine Psyche für sehr wichtig hielt, teilte uns mit, dass trotz eines Briefwechsels, in dem er auf die enge Bindung zu meinem Kind hinwies, der Amtsarzt seine Zustimmung zur Einäscherung verweigere. Besonders bei diesem Gynäkologen hatten wir das Gefühl, "offene Türen einzurennen". Er gab zu, noch nie einen solchen Wunsch (nach Beisetzung eines so früh geborenen Kindes) gehört zu haben, aber man müsse vielleicht umdenken. Wir hätten ein Recht auf unser Kind. Wenn man Christopher nicht als unser Kind, als Person, anerkennen solle, dann bestünde evtl. noch die Möglichkeit, auf mein Recht zu bestehen, über einen "Teil meines Körpers" zu verfügen. Er wollte auf jeden Fall informiert werden, was weiter passiert.

Wir suchten anschließend sofort den Amtsarzt in Wi. auf, der jedoch sagte, dass das Ordnungsamt Wi. seine Zustimmung verweigere, und den Zuständigen vom Ordnungsamt sei er weisungsgebunden. Das Ordnungsamt hätte schon einen "solchen Fall" gerichtlich erfolgreich abweisen können, einen Prozess gewonnen, und vertrete die Auffassung, dass der Wunsch nach Beerdigung von "Fehlgeburten" sonst "überhand nehmen würde". Die Verantwortlichen dort hätten die Befürchtung, dass manche Leute nach einer Fehlgeburt in der achten Schwangerschaftswoche ihr Kind beerdigen wollen, irgendwo müsse man Grenzen setzen.
Die gesetzlichen Bestimmungen waren (bis 31.03.1994) so, dass ein Kind ab 1.000 g beerdigt werden muss, aber der gesunde Menschenverstand ließ eigentlich nur eine Auslegung dahingehend zu, dass Kinder unter 1.000 g schon damals beerdigt werden konnten.
Nach diesem Gespräch war meine Kraft zu Ende, wir kämpften nun schon seit über vier Wochen um die Beerdigung unseres Sohnes. Doch zum Glück war Jörg so weit, dass er sagte: "Nun erst recht!" - Eine Einäscherung würde sowieso stattfinden, nur, dass wir unser Kind als Individuum behandelt sehen wollten und nicht als "Klinikmüll". Selbst für Tiere, ja, sogar für Gliedmaßen (in Italien) gibt es Friedhöfe, "jeder" ist gegen Abtreibung, aber bis 1.000 g Gewicht zählt ein Kind dann doch nicht als Mensch?

Auf einer Fahrt mit dem Schiff (von Wangerooge nach Harlesiel) sahen wir einen Jungen, der vielleicht sechs oder sieben Jahre alt war. Ich sah ihn an und hatte das Gefühl, meinem eigenen Sohn gegenüberzustehen, hatte die Ahnung, dass Christopher in dem Alter genau so ausgesehen hätte wie dieses "fremde" Kind.
Es war ein sehr intensiv erlebter Moment, der mich mitten ins Herz traf.


Die dummen Sprüche, die ich in der Zeit gehört habe, taten mir noch viele Jahre weh. Den engsten Kontakt hatte ich lange Zeit zu den Leuten, die meine Gefühle nachempfinden können - ein Paar, das auch ein Kind verlor, ein anderes, das zwei Kinder adoptiert hat.

Ich hatte mein Kind verloren, und wenn man mich fragte, wie es mir geht, und ich knallhart und ehrlich "schlecht" antwortete, gingen überall die "Jalousien runter" - so etwas sagt man doch nicht, dann muss man ja direkt mal nachdenken.

Ich solle endlich (nach gerade drei Wochen...) darüber wegkommen, schließlich habe er nie gelebt.
----- Natürlich hat er gelebt, aber eben "nur" in mir. Was bedeutet für solche Leute der Herzschlag eines Menschen? Man darf nur bis zur 12. SSW abtreiben, aber bis zur 28. SSW/1.000 g schwebten diese Kinder im luftleeren, gewissermaßen rechtsfreien Raum, sie existieren rechtlich scheinbar nicht. Dabei gibt es doch viele "Fehlgeburten", extreme Frühgeborene, die überlebt haben!
Die 1.000-g-Grenze war völlig überholt, sie wurde mit Wirkung vom 01.04.1994 auf 500 g herabgesetzt.

Wir sollen froh sein, gar kein Kind sei immer noch besser als ein behindertes, und das wäre er mit Sicherheit geworden.
----- Woher wollen diese Menschen das wissen? Uns wäre unser Kind lieber, wenn es bei uns wäre, als tot zu sein. Eine Behinderung lag zu dem Zeitpunkt nicht vor, und was nach einer Intensivbehandlung geworden wäre, weiß doch keiner.

Ich solle mich nicht so da rein steigern. Schließlich kannten wir ihn nicht.
----- Christopher war mein Sohn, und ich "kannte" ihn sehr wohl. Wir haben eine lange Zeit miteinander verbracht.

Ich sei noch jung, und könne noch viele Kinder kriegen.
----- Das sagte auch der Anästhesist, der während der Entbindung die Papiere für die Vollnarkose vorbereitete - die Hebamme hätte ihn, wenn er nicht freiwillig das Zimmer verlassen hätte, rausgeschmissen. Ich verliere mein Kind, und der denkt schon ans nächste. Zählt Christopher nicht als Individuum? Er ist doch einzigartig, nicht "reproduzierbar"! Ist nur interessant, wie viele überlebende Kinder ich "liefern" kann, egal, wie viele ich wieder hergeben muss?

Lediglich eine Frau meinte im Gespräch mit mir, dass ein Kind in der 22. SSW doch schon sehr groß sei, zeigte, deutete mit ihren Händen eine Größe an. Es tat so gut, endlich einmal an jemanden zu geraten, der nicht gleich dachte "Naja, Fehlgeburt.", und das Thema als erledigt abhakte. Durch dieses Nachfragen kamen wir in ein gutes Gespräch, und ich konnte (endlich einmal!) von der Entbindung berichten, wie andere ("normale"!) Mütter das auch tun.


Wir erfuhren, dass der Friedhof J. in G., auf dem auch schon mein Großvater beerdigt lag, selbst die Unbedenklichkeitsbescheinigung ausstellen und anschließend einäschern durfte.


Ende Oktober, fünfeinhalb Wochen nach seiner Geburt, haben wir die Beerdigung von Christopher dann endlich durchsetzen können - so lange mussten wir gegen die Bürokratie beim Ordnungsamt Wi. kämpfen -, in Form einer Erdbestattung auf Wangerooge. (Dafür waren weniger Papiere erforderlich als bei einer Urnenbeisetzung. Bei einer Einäscherung werden "Beweise vernichtet", sie ist endgültig.)
Dieser "menschenwürdige Abschluss" ging auf einmal so leicht, dass ich bis zuletzt nicht daran glaubte. Selbst nach der Beerdigung wartete ich noch manch schlaflose Nacht darauf, dass man einen Fehler feststellen und alles rückgängig machen würde, so komisch das auch klingen mag.

Ich war mehrmals alleine an Christophers Sarg in der Friedhofskapelle. In den Stunden versuchte ich, Abschied zu nehmen. Ich zündete die Kerzen an, sprach mit meinem Sohn, legte die Hände auf den Sarg. Da ich Christopher schon nicht berührt hatte, wollte ich wenigstens in Erinnerung behalten, wie sich das Holz des kleinen weißen Sarges anfühlt.
Um Erinnerungsstücke zu bekommen, machte ich auch viele Fotos vom Sarg, von den Kerzen in der Kapelle, von dem Gesteck, das wir anfertigen ließen und das wir auf den Sarg gelegt hatten.


Unseren Sohn haben wir nur ganz kurz nach der Geburt gesehen, nach den Schmerzmitteln, und unmittelbar vor der Vollnarkose. Konkrete Erinnerungen, Bilder, viel Faßbares ist da nicht bei mir geblieben. Und so war der Wunsch groß, Christopher noch einmal, ein letztes Mal, in Ruhe anzuschauen.

Als ich alleine mit meinem Kind in der Friedhofskapelle war, habe ich lange mit mir gerungen, Christophers Sarg zu öffnen, um ihn noch einmal zu sehen, um mir sein Gesicht einzuprägen. Es wäre die unwiederbringlich letzte Chance dazu gewesen.

Scheu vor dem Tod hatte ich nicht.
Ich habe im Alter von zwölf Jahren meinen verstorbenen Großvater (einen oder zwei Tage nach seinem Tod) gesehen und die Verabschiedung der Familie von ihm war friedlich, schön und "normal" verlaufen, hatte bei mir keinen Schrecken hinterlassen. Ich hatte und habe nur Erinnerungen an einen friedlichen und würdigen Abschied.

Doch unser Bestatter riet uns vom Öffnen des Sarges ab.
Er sagte Jörg, wir sollten Christopher lieber nicht noch einmal ansehen, lieber so in Erinnerung behalten, wie wir ihn kurz nach der Geburt gesehen haben. Nur - ich hatte Christopher nur einmal und viel zu kurz gesehen.

Aber die Worte des Bestatters lösten eine große Angst bei mir aus. Wieso sagte er das? Was war mit meinem Kind passiert, was hatte man ihm angetan?
Ich war zu feige, seinem Rat entgegenzuhandeln, da ich nicht wusste, wie man in der Pathologie mit unserem Sohn umgegangen war, zumal die Untersuchungen erfolgten, bevor man dort von unserem Bestattungswunsch erfuhr.

Ja, und dazu kam dann noch die Angst, weil ich nicht einschätzen konnte, wie sehr sich ein kleiner Mensch - unser Sohn! - innerhalb von fünf Wochen verändert.
Es gab niemanden, dem ich diese Frage zu stellen wagte.

Und so blieb der Sarg im Oktober 1991 geschlossen, und die unruhigen Gedanken, was man wohl mit ihm gemacht hat, kehren immer wieder.


Bei der Beerdigung von Christopher am 30. Oktober 1991 sprach unser Pastor, Herr M., folgende Worte:
"Wir wissen, wie schwer es ist, was wir jetzt vor uns haben. Aber wir müssen diesen Weg miteinander gehen.
Wir suchen in dieser Stunde Hilfe und Trost.
Ich habe in der Bibel nach einem Wort, einem Satz gesucht, der uns jetzt helfen könnte. Doch ich habe keinen solchen Satz gefunden, kein, wie man sagt, "passendes" Wort. Zu dem, was mit eurem Kind geschehen ist, kann man wohl überhaupt nichts passendes sagen, nicht einmal die Bibel kann es."


Meine Schwiegereltern waren aus gesundheitlichen Gründen verhindert, doch meine Eltern, eine Freundin mit ihrer kleinen Tochter und eine andere Bekannte begleiteten uns zu der Andacht in der Friedhofskapelle und auf Christophers letztem Weg. Es war mir wichtig, nicht nur alleine mit Jörg und dem Pastor bei der Beerdigung zu sein. Ich wollte mein Kind nicht verheimlichen, alles sollte nun endlich möglichst normal ablaufen. Der Ritus der Trauerfeier und die "offizielle" Anteilnahme taten mir gut.
Von der Kapelle zum Grab trugen Jörg und ich den kleinen Sarg. Es war uns wichtig, unseren Sohn ein letztes Mal zu tragen, ihm einen letzten Dienst zu erweisen, wo wir doch so wenig hatten für ihn tun können.
Ich musste fast die ganze Zeit über weinen, aber nicht nur vor Trauer und Schmerz, sondern auch vor Dankbarkeit und Erleichterung, dass wir Christopher nun doch noch hatten beerdigen können, dass sich der Kampf mit den Behörden halbwegs "gelohnt" hatte

Wirklich hilfreich war der Satz einer Freundin, die nicht an der Beerdigung teilnehmen konnte und deshalb einige Tage später mit mir zum Grab ging: "Ich weiß jetzt gar nicht, was ich sagen soll!"

Auch meine geliebte Großmutter konnte nicht zur Beerdigung mitkommen, doch sie zündete währenddessen eine Kerze an, dachte an uns. Später schenkte sie mir diese Kerze und einen kleinen, dazu passenden - leeren - Bilderrahmen mit einem kleinen silbernen Herzen. Bis zu ihrem eigenen Tod viereinhalb Jahre später zeigte sie oft, dass sie ihr erstes Urenkelkind nicht vergaß, z.B., wenn sie mir jedes Jahr zu Weihnachten eine kleine Kerze für meinen ersten Sohn schenkte.

Wir hatten insofern Glück, dass noch vor dem Winter der Steinmetz auf die Insel kam, eine Grab-Umrandung anfertigte und den Stein auf das Grab setzte. Christopher sollte einen Stein mit seinem Namen und seinem Geburts- und Sterbedatum bekommen, wir wollten unseren Sohn nicht verheimlichen, ein Grab ohne Stein wäre nicht normal, ihm nicht angemessen gewesen.


Eines Nachts träumte ich sehr stark von Christopher, in diesem Traum "sprach" er zu mir und bat mich, ihn loszulassen, ihn freizugeben. Dieses Loslassen spürte ich körperlich, es tat mir sehr weh, aber es war wie eine Verpflichtung nach dieser geträumten Bitte meines Sohnes.
Irgendwie erhoffte ich mir auch, dass mein verstorbener Großvater, also sein Urgroßvater, der an einem 23. September starb, Christopher beschützen könnte. Ich brauchte dieses Gefühl, dass dort, wo auch immer er sein mochte, ein liebevoller Mensch für unseren Sohn sorgen würde. Es tat gut, zu spüren, dass auch andere Menschen - in diesem Fall meine Großmutter - den selben Gedanken äußerten.

Ich ging regelmäßig - in der ersten Zeit täglich - an das Grab. Das war mir ein grundlegendes Bedürfnis. Ich brauchte, wie ich es auch oft gelesen habe, diesen "Platz, an den ich meine Trauer hintragen konnte."

Ein Jahr lang habe ich jeden Tag eine kleine Kerze, ein Teelicht, für Christopher angezündet.


Diese Rituale waren mir sehr wichtig, halfen mir über die schlimmste Zeit hinweg, vor allem, weil es doch kaum "Beweise" für seine Existenz gab.


Es war eine sehr schlimme Zeit, draußen begann der Herbst, dann kam die Vorweihnachtszeit, und ich hatte lange überhaupt keine Perspektive mehr.
Die Suche nach dem WARUM? ließ mich fast verzweifeln.
Der Tod Christophers musste doch einen Grund haben, und sei es eine Strafe Gottes für meine Fehler.
Hatte ich in meinem Leben bisher zu viel Glück gehabt, musste mich nun ein furchtbares Ereignis auf den Boden zurück holen, damit ich nicht übermütig oder hochmütig wurde?
War ich nach der Fehlgeburt zu schnell schwanger geworden?
Es waren alles Fragen, auf die es keine Antwort gab.
Ich dachte sogar darüber nach, mich von Jörg zu trennen, um nicht seinem Glück, zu dem auch das Leben mit Kindern gehört, im Wege zu stehen. Ich zweifelte völlig an mir und meinem Wert. Zum Frau-Sein gehört für mich auch das Kinder-bekommen-Können, und darin versagte ich nun auf der ganzen Linie. Mein ganzer Lebens-Sinn war in Frage gestellt.

Zum Glück war und ist unsere Partnerschaft so stabil, dass wir da heil durchgekommen sind. Wir kamen uns, so unwahrscheinlich das auch klingt, nach fast zehn gemeinsam verbrachten Jahren noch näher. Wir mussten gar nicht reden. Eine Freundin, die ich länger nicht gesehen hatte, meinte, das sei für sie deutlich spürbar, wie nahe wir uns nun seien. Sicherlich hatten wir auch so unsere Probleme: Ich wollte, dass Jörg auch weint, seine Wut herausschreit. Ich hatte Angst, dass er seine Trauer nicht verarbeitet, sondern sie verdrängt, um mich zu schonen.
Erst nach einiger Zeit wurde mir klar, dass jeder seine eigene Art hat, Trauerarbeit zu leisten - Jörg schrieb zu dem Zeitpunkt an einer kleinen Geschichte für unseren Sohn. Schon früher hatte er sich Geschichten ausgedacht, und diese sollte Christopher gewidmet sein.
Der Tod von Christopher war natürlich auch an Jörg nicht spurlos vorbeigegangen, auch er hatte u.a. gesundheitliche Probleme.

In der Zeit schrieb ich kaum noch Briefe, sondern telefonierte fast ausschließlich. In der Schwangerschaft mit Christopher hatten sich die Ereignisse dauernd überstürzt; berichtete ich "glückstrahlend" Positives, holte uns die nächste Blutung (der Brief war kaum im Kasten) schnell wieder auf den Boden zurück, und viele Freundinnen und Bekannte glaubten noch, es ginge uns gut, als ich schon im Krankenhaus lag. Es hat lange gedauert, bis ich wieder "ruhig" Briefe schreiben konnte. Außerdem brachten die Telefonate außer der Aktualität auch immer sehr viel Menschlichkeit, Wärme und direkte Aussprache.

Ich stolperte von einer Krankheit in die nächste. Erkältungen, Atembeschwerden, Pilzinfektionen, diverse psychosomatische Beschwerden wechselten sich ab, meine Neurodermitis blühte wieder auf. Wie konnte auch mein Körper "heil" sein, wo es meiner Seele so schlecht ging!?
Chr., die ich kurz nach Christophers Beerdigung kennen gelernt hatte, die ihren Sohn 1987 verloren hat, kannte diese ständigen gesundheitlichen Probleme auch aus eigener Erfahrung. Sie half mir in langen Gesprächen, auch dies als normalen Prozess anzunehmen und machte mir außerdem Mut, endlich einmal auszuführen, was ich seit September wollte: In meiner Wut auf meinen Bauch, der "versagt" hatte, einzuschlagen, statt immer nur auf das Kopfkissen. Danach war ich wie befreit.

Während eines vorweihnachtlichen Konzertes saß ich in der Kirche neben zwei Frauen, von denen ich wusste, dass sie auch ein bzw. zwei Kinder verloren hatten. Mir ging ein "Wie viel Leid sitzt auf dieser Bank!" durch den Kopf. Wie musste es da erst in der übrigen Welt aussehen...

Der Gedanke an meinen eigenen Tod hatte jeglichen Schrecken für mich verloren - was konnte denn noch schlimmer sein, als Christopher zu verlieren?
Erst ein Festlandaufenthalt Anfang Januar 1992 änderte diese Ansicht vom sterben-Wollen schlagartig, als wir bei jemandem, bei einem Bekannten, mitfuhren, der sehr riskant überholte und sehr rücksichtslos, wild fuhr. Ich bekam Angst um mein Leben und merkte in dem Moment, dass ich doch noch nicht sterben wollte.


Im Januar 1992 begannen wir mit der nachmittäglichen Betreuung von zwei Geschwistern, deren Mutter vor kurzem gestorben war. Der Junge, W., war knapp acht Jahre alt, seine Schwester, D., knapp sechs Jahre. Wir hatten endlich jemanden, dem wir uneingeschränkt und uneigennützig unsere Fürsorge und Liebe schenken konnten, mit der wir nicht wussten, wohin. Die beiden konnten Trost und Wärme gebrauchen, und wir wieder verstanden ihre Gefühle, ihre Trauer.
Besonders mit D. hatte ich viele "gute" Gespräche über ihre Mutter und über meinen Sohn, über den Tod und das "Warum?", auf das wir keine Antwort wussten.
Diese Betreuung zog sich über ein Jahr hin.
Inzwischen (Stand 2004) sind die beiden schon erwachsen. Außerdem haben sie eine "neue" Mutter und eine Schwester bekommen. Die gemeinsam verbrachte Zeit unserer Trauer hat uns miteinander verbunden, hat für lange Zeit ein fast familiäres Band zwischen uns geschaffen.


Ich durfte mindestens ein halbes Jahr nicht schwanger werden.

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Der dritte Verlust - "Niklas"


Danach wurde ich sofort (März 1992) schwanger, doch auch dieses Mal bekam ich von Anfang an Blutungen, der kleinste Spaziergang hatte eine zur Folge, wenn sie auch immer sehr leicht waren. Ich war sehr ängstlich, befürchtete bei jedem Gang zur Toilette, dass ich wieder eine Blutung feststellen würde. Was dann auch häufig geschah.
Meine Ärztin verätzte schließlich den Muttermund (von hier blutete es), die Blutungen hörten kurzfristig auf. Zwei Tage später (ich war in der 11. SSW) bekam ich dann eine "richtige" Blutung, aus der Gebärmutter, und wusste instinktiv sofort, was das bedeutete.
Jörg war nicht auf der Insel, er besuchte eine Fortbildung. Zum Glück besuchten mich, während ich auf Jörg wartete, zwei Freundinnen mit ihren Kindern - sie konnten den Gedanken nicht ertragen, mich in dieser Situation alleine zu wissen. Das hat mir sehr geholfen, auch dass sie ihre Kinder mitbrachten (ein Stück weit "Normalität") - mir ging es nicht nur psychisch furchtbar schlecht, sondern ich hatte auch panische Angst, dass das Kind im Laufe des Nachmittages "abgestoßen" werden würde, während ich alleine war.

Zur Kontrolle wurde am Tag darauf (9. Mai 1992) im Krankenhaus per Ultraschall nachgesehen - unser Kind lebte nicht mehr.
Anschließend wurde wieder eine Ausschabung vorgenommen.

Eine Begründung für die Fehlgeburt ließ sich wieder nicht finden, wenn ich auch glaube, dass meine Psyche ein wichtiger Faktor war. Ich war einfach nur panisch vor Angst, und jeder Toilettengang geriet zum Horrortrip.
Auch eine hormonelle Ursache spielte wohl mit eine Rolle, da die - erst später eintreffenden - Hormonwerte von vor der Fehlgeburt deutlich unter den notwendigen Werten lagen, so dass wir daraus schlossen, dass erst die Hormonwerte sanken - wodurch auch immer -, und dass dann das Kind starb (denn die Herztöne waren zu diesem Zeitpunkt vorhanden).

Diese Fehlgeburt zu verarbeiten, fiel mir besonders schwer. Ich wusste lange Zeit nicht, ob wir je noch ein Kind bekommen dürften, und ausgerechnet das Mal waren zwei Frauen (bei 1.200 Einwohnern) fast auf den Tag identisch mit mir schwanger. Ich war sehr neidisch auf sie, sah ihre wachsenden Bäuche "selbstquälerisch" immer wieder an, hasste sie fast für ihr Glück. Ich hatte das Gefühl, "die bekommen ein Stück weit mein Kind". Ich fand es so ungerecht, dass diese Frauen beide bereits ein gesundes Kind zu Hause hatten, und ich nun schon das dritte verloren hatte.
Der errechnete Entbindungstermin war der 6. Dezember 1992 gewesen, einen Sohn hätten wir Niklas genannt.


Erschwerend kam dann noch dazu, dass man im Krankenhaus gesagt hatte, dass es ein Foto von Christopher gäbe. Alle toten Babys würden von den Hebammen fotografiert werden. Meine Akte war jedoch immer noch (nach über einem halben Jahr) irgendwo unterwegs, keiner wusste, wo. Ein paar Wochen lang hielt mich die Hoffnung auf das Foto über Wasser, doch nach einigen weiteren Telefonaten stellte sich heraus, dass es nie eins gegeben hatte. Das ist auch der einzige echte Kritikpunkt, den ich an allem, was mit Christophers Geburt zusammenhängt, zu machen habe: Wenn man uns unser Kind zeigt, es als Kind anerkennt, dann kann man doch, wie bei den anderen toten Babys auch, ein Foto machen. Das hätte mir so sehr geholfen, einen Beweis für seine Existenz zu haben, ein Andenken an ihn! So bleibt nur der Mutterpass mit den spärlichen Eintragungen, das Grab. Es wäre auch schön gewesen, wenn wir seinen noch nachfolgenden Geschwistern nicht nur von ihm erzählen könnten, sondern auch ihnen zeigen könnten: "Guckt mal, so sah euer Bruder Christopher aus!"
Nun rief ich auch endlich in der Pathologie des Krankenhauses an, in dem man Christopher untersucht hatte, doch auch dort hatte man kein Foto von ihm gemacht - er war ja völlig gesund gewesen!


Auch jetzt kamen noch "tolle" Sprüche: Wir sollen mal ganz froh sein; ohne Kinder könne man wenigstens durchschlafen oder einfach mal wegfahren, verreisen; Kinder würden sowieso nicht gehorchen; ich sei noch viel zu jung für Kinder (26 Jahre); Kinder würden dauernd krank werden; Kinder kosten viel Geld; ... Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen, erschreckend fand ich besonders, dass einige diese Äußerungen von einer Frau kamen, die gerade das dritte Kind erwartete, die zudem selbst ein Kind durch eine Fehlgeburt und eines durch eine Eileiterschwangerschaft verloren hatte, und nicht etwa von den - wie man vielleicht glauben könnte - Ledigen ohne Kinderwunsch.

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Die Zeit danach


Nun wurde jedoch, Ende Mai 1992, routinemäßig der Gang zur genetischen Beratungsstelle erforderlich. Eine Chromosomenanalyse sollte vorgenommen werden. Meine behandelnde Ärztin auf der Insel erhoffte sich die Bestätigung, dass es keinerlei genetische Komplikationen gab.
Ich erinnere mich noch heute voller Dankbarkeit, dass meine Gynäkologin auf meinem Überweisungsschein nicht "drei Fehlgeburten" eingetragen hatte (was ja der korrekten medizinischen Definition entsprochen hätte), sondern "eine Frühgeburt (Totgeburt) und zwei Fehlgeburten". Es bedeutete für uns mehr Anerkennung unseres Sohnes, gestand ihm mehr Wert zu als die Bezeichnung "späte Fehlgeburt".
Man versprach uns das Ergebnis für sechs Wochen später, doch die Wartezeit dehnte sich auf fürchterliche elf Wochen der Ungewissheit, in denen ich das Schlimmste befürchtete.
Das Warten war schrecklich, wie sollte ein Leben ohne Kinder nur aussehen? Und dann auch noch - ich war felsenfest davon überzeugt - durch meine Schuld!? Sehr förderlich für diese Gedankengänge war dann, dass das Ergebnis meines Mannes eintraf, ohne Befund selbstverständlich, während meines ausblieb. - Ich hatte überhaupt eine äußerst negative Grundeinstellung zu dieser Zeit.
Sicherlich haben wir viel an Adoption gedacht, waren auch entschlossen, diesen Schritt zu tun, wenn das Ergebnis einen für uns negativen Befund erbringen sollte. Selber kein Kind bekommen zu können oder zu dürfen, muss erst einmal verarbeitet werden, und wird nicht alleine dadurch "geheilt", dass man dann irgendwann einmal "irgend"ein Kind hat. Der Abschied vom leiblichen Kind muss erst vollzogen werden, bevor man sich um eine Adoption bemüht.
Die Chromosomenanalyse erbrachte jedoch auch bei mir keinen Grund für unsere Kindsverluste. - Der erste Brief mit meinem Ergebnis war auf dem Postwege verloren gegangen.


Wir begannen, noch während wir auf das Ergebnis warteten, regelmäßig alle vier bis sechs Wochen zu einem Psychologen der "Beratungsstelle für Erziehungs-, Sucht- und Lebensfragen" des Landkreises zu gehen. Ich denke, es war sehr wichtig für Jörg und mich, noch vor dem Eintritt einer weiteren Schwangerschaft noch einmal über unsere Trauer um Christopher, über alle unsere Ängste, über unsere weitere "Lebensplanung" nachzudenken und zu reden. Und, was mir besonders wichtig war, auch mein Mann durfte und sollte sich äußern. Er hatte vorher, auch, als ich die sechs Wochen mit Christopher im Krankenhaus lag, immer nur versucht, mich zu beschützen, hatte währenddessen nie geäußerte Ängste um mich und mein Leben und um unser Baby ausgestanden - und ich hatte Angst, dass er auf diese Weise seine Trauer nicht verarbeiten kann.

Wir gingen noch lange Zeit regelmäßig zu diesen Gesprächen.

Gemeinsam mit dem Psychologen planten wir, beim Eintritt einer eventuellen vierten Schwangerschaft, von der sechsten, spätestens von der achten SSW an einen Krankenhausaufenthalt auf dem Festland, bis zur 12. SSW, mit gleichzeitiger beratender Begleitung durch die Psychologen von der Beratungsstelle. Denn ich sah es damals so und denke auch heute noch, dass ich dieses dritte Kind verloren habe, weil ich mich wegen meiner Ängste vor einem erneuten Verlust psychisch völlig unter Druck gesetzt habe, weil ich einfach nicht ruhig bleiben konnte, wie es mir von so vielen Seiten "empfohlen" wurde, weil ich weder vergessen konnte noch wollte.

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Die erste Folgeschwangerschaft - Mathis


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Die zweite Folgeschwangerschaft - Kaja


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Die Jahre dazwischen


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Heute


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© Constanze Tofahrn-Lange, Wangerooge


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letzte Aktualisierung dieser Seite: 2007-01-20

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